Aufstieg und Fall eines Parteisoldaten
Nach dem Rücktritt Erich Honeckers am 18. Oktober 1989, nach Massendemonstrationen sowie Botschaftschaos in Prag und Budapest rief Nachfolger Egon Krenz die 1. Sekretäre der Bezirksleitungen nach Berlin. Am 29. Oktober trug Werner Walde, der Cottbuser SED-Bezirkschef, Schlussfolgerungen aus dieser Beratung vor leitenden Mitarbeitern im Haus der Bezirksleitung vor und analysierte die Lage in der Niederlausitz. Was man hörte, war eine Mischung von verspäteten Einsichten, Warnungen, Hoffnungen und übereilt geschmiedeten Plänen zur Beruhigung der Bevölkerung. Als Ursachen für die entstandene Lage nannte Walde die Überbewertung von Erfolgen, das Nichterkennen neuer Bedürfnisse nach mehr sozialistischer Demokratie, das überhebliche Verhalten gegenüber den anderen sozialistischen Staaten und die falsche Bewertung der eigenen Lage. Welche Zugeständnisse sollten gemacht werden, um die Massen ruhig zu stellen? Die Einführung eines Wehrersatzdienstes käme in Frage. Die Ferienheime des Ministerrates könnten an den FDGB-Feriendienst übergeben werden. Sogenannte Sonderbedarfsträger wären zu streichen. Die Berlin-Initiative sollte auslaufen. Die örtlichen Räte entschieden dann selbst über Neubau und Abriss. Der erste Mann im Bezirk hoffte, mit Korrekturen, mit einem neuen Verhältnis zu den Volksvertretungen und den Blockparteien die Lage noch in den Griff zu bekommen. Juni 1969 – Walde wird Cottbuser Parteichef Werfen wir einen Blick zurück auf das Jahr 1969. Der 1. Sekretär der Bezirksleitung, Albert Stief, war schwer erkrankt. Im Haus der Bauarbeiter (heute Kammerbühne) tagte am 31. Mai und am 1. Juni, vor 50 Jahren, die Bezirksdelegiertenkonferenz der SED. Die LR rief die „Bürger der Bezirksstadt“ auf, „Betriebe, Straßen und Häuser festlich zu schmücken!“ Die Konferenzregie ließ schon den geplanten Führungswechsel erkennen. Werner Walde, zuvor 2. Sekretär, erstattete den Bericht und saß dem Präsidium vor. Am zweiten Konferenztag wurde er „einstimmig“ zum 1. Bezirkssekretär gewählt. Der Arbeitersohn, 1926 in Döbeln geboren, kam als Soldat zum Kriegsende in britische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg begann sein Aufstieg in der Parteihierarchie. In Senftenberg wurde Werner Walde 1961 Kreisparteichef und drei Jahre später 2. Sekretär im Bezirk. Seitdem bewohnte der jetzt zum Diplom-Ökonom qualifizierte Funktionär eine Wohnung in der Finsterwalder Straße im Cottbuser Süden. Seit Juni 1969 war er nun der erste Mann im Bezirk. Aber Waldes Aufstieg ging noch weiter. Dass der Cottbuser 1976 als Kandidat in den höchsten Führungszirkel, das Politbüro, aufgenommen wurde, hat wohl mit der wachsenden Bedeutung des „Kohle- und Energiebezirks“ zu tun. Waldes Wirken als Chef der SED-Bezirksleitung wurde schon zu DDR-Zeiten ambivalent beurteilt. In Sachen Wehrdienst und -verweigerer galt er als Scharfmacher. Im Kunst- und Kulturbereich war er orthodox und ahnungslos. O-Ton Walde: „In Kulturdingen habe ich viel Mist gebaut.“ Für die Bezirksstadt und die Kreise setzte sich der 1. Sekretär im Rahmen seiner Möglichkeiten als Politbüro-Kandidat ein. Der Mensch Walde unterschied sich eher wohltuend von anderen Spitzenfunktionären. Er besaß weder Villa noch Jagdgebiet. Der Bungalow am Mochowsee war so bescheiden wie die Wohnung. Der Cottbuser Parteichef ging oft zu Fuß zur Arbeit (allerdings gefolgt von einem großen Volvo). „Ich war der negative Held!“ Der Fall kam für ihn jäh und überraschend. Walde hatte mit Blick auf Leipzig in Berlin versprochen, dass es in Cottbus keine Konfrontationen geben wird. Am 30. Oktober, auf der ersten Cottbuser Demonstration, wurden er und andere Funktionäre demontiert. Intern ging man von 30 000 Teilnehmern vor der Stadthalle aus. In der Woche davor gab es 2.400 Parteiaustritte. In Berlin begann das Karussell der Rücktritte immer schneller zu rotieren. Drei Tage nach der Demo sprach Walde wieder vor Mitarbeitern des Parteiapparates. Der einst mächtige Bezirkschef war sichtbar mitgenommen. „Ich trage die Verantwortung. Es zerreißt mich fast. Ich will mich nicht davonschleichen. Aber ich klebe auch nicht an der Funktion.“ Zur Demonstration sagte Walde: „Ich war der negative Held!“ Zerknirscht stellt der Parteisekretär fest, dass er sich zur Wende bekennt, aber daran zweifelt, ob er dazu die Fähigkeit besitzt. Eine Woche später trat Walde zurück. Tags darauf musste er auch das Politbüro verlassen. Mit einem kleinen Citroën sah man ihn noch ein Jahrzehnt in der Stadt. Vorwürfe wegen Korruption und Vorteilsnahme bestätigten sich nicht.