

Der Mann fällt in der Kamenzer Innenstadt sofort auf: T-Shirt und Umhängetasche, beides knallrot, und dann dieser pechschwarze Hut. Dieses Mal hat Gert Drechsler aber keine Touristen im Schlepptau. Treffen mit einem Mann, der seit dem vergangenen Sommer zu den »neuen« Stadtführern der Lessingstadt gehört. Auf dem Weg vom Marktplatz zur in der Schulstraße gelegenen Kamenz-Information wird rasch klar, dass der 65-Jährige bereits all das verinnerlicht hat, was einen guten Stadtführer ausmacht. An jeder Straßenecke, an etlichen Gebäuden in der Altstadt bleibt er stehen. Es folgen nicht nur Jahreszahlen und kleine Episoden aus der Stadtgeschichte, vielmehr präsentiert der frühere Sozialarbeiter diese auf unterhaltsame Weise. Darauf komme es ja vor allem an, meint Drechsler. Schließlich sei man als Stadtführer auch Entertainer. Und entertainen, das »ist sowieso mein Ding«. Er grinst.
Stadtführer dürften gefragt sein
Als er vor zwei Jahren in den Ruhestand ging, las er zufällig von der Stadtführerschulung der Kreisvolkshochschule. »Ich fühlte mich sofort angesprochen«, erzählt er. Also meldete er sich für den Kurs an, bemerkte in den folgenden Monaten, dass sich sein Bild von der Stadt, in der der gebürtige Freitaler seit Jahrzehnten lebt, zunehmend veränderte. War er zuvor meist mit Scheuklappen in Kamenz unterwegs, schaue er jetzt mit anderen Augen auf die Stadt. Die Abschlussprüfung bestand er im vergangenen Sommer, gehört seitdem zu den 15 Stadtführern der Lessingstadt. Die, da muss man kein Prophet sein, in diesem Jahr, in dem Kamenz seinen 800. Geburtstag feiert, gefragt sein dürften. Werden doch in den kommenden Monaten Zehntausende von Besuchern erwartet.
Gleich nach seiner Abschlussprüfung durfte er loslegen, mit einer historischen Stadtführung. »Ich war vielleicht nervös«, lacht er. Viel zu schnell habe er geredet, zu flott sei er gegangen. Aber, alles gut, Lampenfieber bei der Premierenführung, das sei normal. Mittlerweile ist er ein wenig routinierter: hat schon einige Touren hinter sich gebracht, darunter zwei Kinderführungen. Da seien bei den Kids toll angekommen, freut er sich. Die biete außer ihm bisher niemand an. Überhaupt arbeitet er derzeit an dem, was man gemeinhin als Alleinstellungsmerkmal versteht. Den schwarzen Hut trage er auf jeder Führung, »der soll mein Markenzeichen werden« und - ein Orientierungspunkt für verlorengegangene Touristen. Auch das hat er in der kurzen Zeit, in der als Stadtführer wirkt, erkannt: Dass die Erwartungen an eine Führung oft unterschiedlich sind, so unterschiedlich wie die Menschen, denen man die Stadt zeigt. Das mache diese Tätigkeit ebenfalls so interessant, findet Drechsler. »Man muss jede Gruppe neu einschätzen und gucken, wie man sie erreichen und mitnehmen kann.«
Es geht nicht ums Geld
Und dadurch hebt er sich auch von manchem Stadtführerkollegen ab: »Ich duze die Leute gleich.« In skandinavischen Ländern sei das so üblich, sorge von Beginn an für eine lockere Stimmung. Klar gibt es Leute, die mögen das nicht. Kein Problem, dann »sieze ich die halt«, meint der 65-Jährige, der für eine zweistündige Stadtführung 40 Euro erhält. Aber ums Geld geht es ihm und den anderen Stadtführern, nicht. Vielmehr wollen sie Besuchern zeigen, wie die Stadt in der vergangenen Jahrhunderten gewachsen, wie lebenswert sie heute ist.
Gebucht werden die Stadtführer über die Kamenz-Informationsstelle. Im Schnitt bekomme man, so Drechsler, monatlich zwei Führungen. Mal mehr, mal weniger. »Haben ja nicht immer alle Zeit«, so Drechsler. Der darauf hofft, viele Touris durch seine Heimatstadt führen zu können, nicht zuletzt, um weitere Führungserfahrungen sammeln zu können. Nicht unwichtig für seine Pläne. Denn, der 65-Jährige, möchte mal spezielle Touren anbieten, in die Rolle einer historischen Persönlichkeit schlüpfen. Lessing sei es jedoch nicht, meint er.
Wer das sein wird, will er noch nicht preisgeben. Nur soviel: Es sei ein Mann, der in Kamenz Legendenstatus habe. Den »will ich zum Leben erwecken«. Für zwei Stunden auf einer Stadtführung.