Klaus Wilke

Ein Mann und seine Rollen

Johannes Scheidweiler spielt Hamlet in der Regie von Armin Petras

Nun spielt er den Hamlet: Johannes Scheidweiler. 25 Jahre alt, weist er also so etwas wie ein erstes Lebensjubiläum auf. Er hat es im Staatstheater Cottbus erreicht, wo er seit 2021 fest engagiert ist. "Eine Traumrolle", sagt er, "und eine Riesenaufgabe." Er ist einer, der seine Figuren genau zeichnet, in sie hineinschlüpft, gewissermaßen SIE wird. Ein Wort von ihm: "Ich fühle mich als Anwalt der von mir dargestellten Figuren."

Johannes Scheidweiler spielt Hamlet in der Regie von Armin Petras

Nun spielt er den Hamlet: Johannes Scheidweiler. 25 Jahre alt, weist er also so etwas wie ein erstes Lebensjubiläum auf. Er hat es im Staatstheater Cottbus erreicht, wo er seit 2021 fest engagiert ist. "Eine Traumrolle", sagt er, "und eine Riesenaufgabe." Er ist einer, der seine Figuren genau zeichnet, in sie hineinschlüpft, gewissermaßen SIE wird. Ein Wort von ihm: "Ich fühle mich als Anwalt der von mir dargestellten Figuren."
Auch ein Anwalt von Hamlet? "Er ist ein Suchender, Zweifler, Zauderer. Ich reize seine Zerrissenheit aus. Unser Hausregisseur Armin Petras steht mir bei. Er setzt auf die geniale Zeitlosigkeit des Dänenprinzen. Weltweit unzählbar oft auf die Bühne gebracht, reist der gewissermaßen durch die Zeiten und Regionen. Immer ist er der Gleiche und doch ein anderer. Wahnsinn, wie Shakespeare vor über 400 Jahren Menschenseelen seziert und dargestellt hat! Petras lässt das Stück in den Nachwendejahren um 1990 spielen.
Da kommt Hamlet vom Studium nach Cottbus, wo sein Zuhause ist. Er muss erleben, dass sein Vater als Direktor eines großen Werkes von der Treuhand abrupt abgelöst und durch einen Wessi ersetzt worden ist. Seine Mutter hat sich mit dem Neuen liiert. In Hamlet wachsen Rachegedanken angesichts dieser menschlichen Katastrophe. "Sein oder Nichtsein", wird ihm zum Problem, das Schicksal ertragen oder in den Tod flüchten. "Das Hamlet-Projekt erinnert an ,Two Penny Opera'. Es ist der zweite Abend, der sich auf ein Album der britischen Band ,The Tiger Lillies' stützt und so mit Tanz, Gesang und Musik ab 29. März tolle Unterhaltung bietet", schwärmt Scheidweiler.
Als er vor fünf Jahren sein Studium an der Hochschule "Ernst Busch" in Berlin beendete, hatte er für die Zukunft zwei Traumrollen: Hamlet und Woyzeck. Beide erfüllten sich gleich im ersten Engagement. "Woyzeck ist ein armes Schwein, das zum Spielball bürgerlicher Scheinmoral wird. Mir ging es darum, seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit zu zeigen, die ihn in einer feindlichen Umwelt zu einem sinnlosen Mord treiben."
Ein Suchender in einem Meer von Sinnlosigkeit ist auch Kris Kelvin in "Solaris", einem Stück nach Stanis?aw Lém. "Lém war für mich eine Entdeckung. Meine Oma hatte viele Lém-Romane und ich habe mich leidenschaftlich hineingelesen, den Weltraum erobert, um auf die Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zu treffen und diese meiner Bühnenfigur aufzuprägen."
Für viele Theaterbesucher ist Johannes Scheidweiler als Eugen Rümpel in der "Pension Schöller" in guter Erinnerung. "So spielen, dass man über ihn und seinen Sprachfehler lachen kann, ihn aber nicht lächerlich macht. Aber es ging alles gut, auch die sogar die Pause überbrückende Rezitation von ‚Schinners Bannade' ‚Die Gnocke'".
Die Offenheit, eine Frau zu spielen, war in "Die Räuber" von ihm gefordert. Scheidweiler war Amalia von Edelreich. "Es sollte keine Tussy werden. Es ging darum, die Balance zwischen großen Gefühlen der Liebe und berechtigter Kritik der Figur an ihrer Umwelt zu finden. Doppelter Anspruch: sich in die Seele einer Frau versetzen und dann gestalten, wie sie in einer patriarchalen Männerwelt zermalmt wird."
Wir müssen auf die Uhr schauen. Der "Anwalt" muss zurück zu seinem Klienten Hamlet; die Probe geht weiter. Nur noch so viel: Johannes Scheidweiler wird im Sommer das Staatstheater verlassen, um in die Freiberuflichkeit zu gehen. Große Hoffnungen setzt er auf Film und Fernsehen, auch Theaterbühnen ziehen ihn weiter an. Erst kürzlich erlebte ein Film mit ihm - "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach dem Roman des Oberlausitzers Lukas Rietzschel - auf der Berlinale seine Uraufführung. Offizielle Kinopremiere: 3. April.
Von Sein oder Nichtsein war bereits die Rede. Gibt es - davon abgewandelt - ein "Mein oder Nicht mein?" von Themen, die er ablehnen würde, und einen offenen Wunsch? "Eigentlich bin ich offen für alles, das von Vernunft und Sinn geprägt ist. Einen Wunsch hätte ich: etwas von Heiner Müller am besten ,Zement'. Darüber hinaus sei ,Hamlet' zitiert: ,Der Rest ist Schweigen.'"


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