

"Das eigentlich Lebendige"
Was ist das, "das eigentlich Lebendige"? Für die Schriftstellerin Mercedes Lauenstein liegt es "in der Sehnsucht nach dem, was nicht da ist". Sie begründet es damit, dass es nichts Schöneres als die Vorstellung einer Sache gebe und nichts Enttäuschenderes, wenn man sie bekommt. Sie stellt das in ihrem Buch "Zuschauen und Winken" (Blumenbar, 190 Seiten, 22 EUR) fest. Dass dies ein Roman sein soll, mag manchem als Mogelpackung erscheinen. Mir scheint ein Vorzug dieses Buch zu sein, dass es kein Roman ist. Seine Protagonisten sind ein Liebespaar, sie, mit einer wissenschaftlichen Arbeit geistig überaus angestrengt, er, von einer unbekannten Krankheit gezeichnet, und eine verschwundene Professorin. Da so eine Geschichte kaum einen hinter dem Ofen hervorlocken würde, besticht das Buch durch seinen Gedankenreichtum. Maximen und Reflexionen beschäftigen sich mit der Grenze von Erkenntnissen, dem Verhältnis zwischen den Generationen, dem Wert von Gesundheit und der Beziehung des Menschen zur KI. Ein lesenswertes Buch, dem durch eine "richtige" Romanstory viel abhandengekommen wäre.
Auch ein Buch selbst kann "das eigentlich Lebendige" ausmachen, das einen Menschen kennzeichnet, auch wenn er schon nicht mehr unter uns weilt. Beispiel Anne Frank. Ihr berühmtes Tagebuch ist heute Schulstoff und wird der Weltliteratur zugerechnet. Über zwei Jahre musste sie sich, konnte sie sich mit ihrer Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus vor dem Zugriff der Gestapo verstecken. Sie führte akribisch Tagebuch. Dann wurde das Versteck verraten. Die französische Schriftstellerin Lola Lafon hat 80 Jahre später eine Nacht in dieser Not-Bleibe verbracht und ihre Eindrücke in einem Buch festgehalten: "Immer wenn ich dieses Lied höre. Im Versteck von Anne Frank" (Aufbau, 170 Seiten, 22 EUR). Mit großer Ehrfurcht widmet sie sich der Lokalität. Mitunter, an der Schwelle zu Annes Zimmer, meint man, sie steht vor einem Altar. Immer wieder lässt sie uns in das Tagebuch blicken, wir lesen von Annes aufkeimender Liebe, von der Angst vorm Zahnarzt, vom Zoff mit ihrer Mutter - Alltag in der Isolation, Erlebnis des Grauens. Trotzdem lässt Anne Frank wissen: "Ich glaube noch immer an das innere Gute des Menschen." Besondere emotionale Tiefe erreicht Lola Lafon durch ihre eigene Familiengeschichte: Ist sie doch die Enkelin von Holocaust-Überlebenden.
Die DDR, aus historischer Ferne betrachtet, kann ganz lustig sein. Und wenn das mit satirischem Anstrich geschieht, bleibt Nostalgie weitgehend draußen. So gesehen kann man sich über die Idee von Jakob Hein nur die Schenkel klopfen. Und wer sich seinerzeit den Kopf zerbrochen hat, warum Franz-Josef Strauß die DDR mit einem Milliarden-Kredit aus der drohenden Sch**** gezogen hat, dem gibt der Schriftsteller eine mögliche Erklärung, indem er erzählt, "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" (Galiani Berlin, 250 Seiten, 23 EUR). Grischa war nach seinem Ökonomiestudium bei der Staatlichen Plankommission der DDR angestellt worden. Weil dort wenig Arbeit anfiel, hat der findige Kopf Grischa einen "Afghanistan-Plan" ausgeheckt, den seine Chefs erst abenteuerlich fanden, aber dann eine, angesichts der Devisenknappheit und -geilheit, famose Geschäftsidee an der innerdeutschen Grenze ahnten und verwirklichten: Cannabis aus Afghanistan für West-Jugendliche. Aber Cannabis war in der BRD verboten. Na gut, die mussten es ja nicht nehmen und erlauben. Doch eine Abstandssumme müsste bezahlt werden. Wie wärs mit einer Milliarde D-Mark?
Eine wunderbare Schwejkiade mit Real-Personal (Barzel, Strauß, Schürer, Mielke) ist Hein da gelungen, die reichlich Amüsement bietet. "Das eigentlich Lebendige" ist hier, die Politik als Kabarett zu betrachten.
Harte Satire liefert auch Hans-Ulrich Jörges in seinem Roman "Der Kobaltkanzler. ein deutscher Albtraum" (Osburg, 254 Seiten), Was darin geschieht, ist uns gerade noch erspart geblieben. Die AfD ist aus der Bundestagswahl als stärkste Partei hervorgegangen, hat aber nicht die absolute Mehrheit erreicht, kann also nicht allein regieren. Da springt ihr die CDU bei, sondiert und koaliert schließlich mit ihr. Was für eine Katastrophe, die in massenhaften Abschiebungen, Umkehrung in den globalen Bündnissen und einen politischen Mord mündet. Auch Jörges lässt, zwar verschlüsselt, aber für den Wissenden erkennbar, aktuelle Politiker auftreten. Ernst, aber zugleich vergnüglich, läuft ein Szenario ab, vor dem ernst zu nehmende Zeitgenossen warnen, um "das eigentlich Lebendige" zu erhalten.