Lisa Neumeister

In den Augen der Alpakas verloren

Alpakas, ursprünglich aus den Anden, haben nun auch den Spreewald erobert: Carola Mielke erfüllte sich ihren Traum und führt die „Pakahara“ Alpakafarm.

Hofgaeste werden neugierig beaugt.

Hofgaeste werden neugierig beaugt.

Bild: Lisa Neumeister

Wie die Andenkamele in den Spreewald kamen

Schon vor rund 6000 Jahren wurden Alpakas als Nutztiere domestiziert und zählen damit zu den frühesten Begleitern des Menschen. Ursprünglich stammen sie aus den südamerikanischen Anden, wo ihre feine Wolle einst den indigenen Bergvölkern als Zeichen von Reichtum galt. Während der Kolonialherrschaft starb die Art beinahe aus, da die spanischen Eroberer verstärkt auf die Haltung von Schafen setzten. Doch mit der Unabhängigkeit Südamerikas nahmen auch die Hochlandbauern die Zucht der Alpakas wieder auf. Ihr dichtes, isolierendes Vlies schützt sie vor extremer Kälte in Höhenlagen von bis zu 4.000 Metern - gleichzeitig sind sie erstaunlich anpassungsfähig an unterschiedliche Klimazonen. Im 21. Jahrhundert nahm die gezielte Haltung von Alpakas auch in Ländern wie Deutschland, der Schweiz und Großbritannien zu, sei es für die Wollproduktion oder als Weggefährten für Therapie- und Freizeitangebote. Auch Carola Mielke verfiel dem Charme der sanftmütigen Tiere und erfüllte sich im Herzen des Spreewaldes mit ihrer Alpakafarm "Pakahara" einen Traum.
Als die gebürtige Berlinerin nach Schönewalde zog, hatte sie wohl nicht geahnt, dass sie eines Tages von so vielen flauschigen Hofbewohnern umgeben sein würde. Ihr erster Kontakt mit Alpakas war eher zufällig - auf einem Wochenmarkt begegnete sie einem Wollhändler, der eines seiner Tiere dabei hatte. Da war es schnell um sie geschehen.
Denn es heißt: "Wer einem Alpaka einmal zu tief in die Augen blickt, kann sich für immer darin verlieren." Anders als andere Fluchttiere halten Alpakas dem Blick stand und bleiben ohne Scheu. Diese ruhige Präsenz überträgt sich spürbar auf Menschen und wirkt entspannend. Gleichzeitig strahlen die Tiere eine natürliche Würde aus, gepaart mit ansteckendem Leichtmut. Das führte dazu, dass 2013 die ersten drei Tiere bei Carola Mielke einzogen. Mit den Jahren wuchs nicht nur ihre Begeisterung, sondern auch ihr Wissen über die Tiere - bis sie schließlich ihre eigene Zucht begann.
Mittlerweile grasen schon rund vierzig Felltupfer in Weiß, Grau, Braun, Schwarz und gescheckten Mustern auf der Weide. Auf den ersten Blick erinnern sie an Lamas, doch trotz der Ähnlichkeit haben sie unterschiedliche Vorfahren. Während Lamas vom Guanako abstammen, sind Alpakas die domestizierte Form des Vikunjas. Innerhalb der Alpakas gibt es zudem zwei unterschiedliche Typen: Während Huacaya-Alpakas mit ihrem dichten, gekräuselten Fell an Teddybären erinnern, schmücken sich Suri-Alpakas mit langen, seidigen Locken. Zudem unterscheiden sie sich vom Naturell. Manche haben ein immerfrohes Gesicht - die sogenannten "Grinsealpakas" - und manche tragen eine eher ernste Miene zutage. Doch alle verbindet die pure Freude, als Carola das Tor zur Weidewiese öffnet. Es wird gemeinsam gehüpft und gerannt. Gerade springt Sahara an uns vorbei - alle Alpakas auf der Farm tragen die Namen von Wüsten dieser Welt, darunter Gobi, Atacama und viele mehr.

Niemals ohne die Herde

Alpakas sind ausgeprägte Herdentiere und dürfen laut Tierschutzgesetz niemals allein gehalten werden. Ohne Artgenossen vereinsamen sie schnell - das kann ihre Fressgewohnheiten negativ beeinflussen und schließlich ihre Lebenserwartung senken. In der Gemeinschaft hingegen entwickeln die kleinen Kamele beeindruckende Strategien. Sie teilen sich eine gemeinsame Toilettenstelle und haben innerhalb der Herde ein ranghöchstes Tier, das über die Sicherheit der anderen wacht. Dieses Tier stößt als Erstes einen Warnruf aus, wenn Gefahr droht - eine besonders essenzielle Rolle in den Anden, wo Füchse und Pumas zur Bedrohung werden können. Auf ihrer Farm hält die Züchterin Stuten und Hengste getrennt, denn Alpakas können das ganze Jahr über gedeckt werden. Besonders faszinierend ist das instinktive Timing der Geburt: Stuten bringen ihre Fohlen ausschließlich am Vormittag zur Welt. In den rauen Anden erhöht dies die Überlebenschancen des Nachwuchses. So bleibt genug Zeit, bis zum Einbruch der eisigen Nacht, von der Sonne getrocknet zu werden. Sollte das Wetter jedoch ungünstig sein, können die werdenden Mütter die Geburt sogar um bis zu einen Monat hinauszögern. Der Nachwuchs kann sofort eigenständig laufen. Ihre Fürsorglichkeit zeigte auch die Geschichte zweier Geschwister auf der "Pakahara Farm", deren Mutter verstarb. Das ältere Alpaka übernahm instinktiv die Mutterrolle und produzierte sogar Milch für das jüngere Geschwisterchen - ein seltenes Verhalten im Tierreich. Auch mit anderen Tieren, wie den Pferden oder dem Husky auf "Pakahara", leben die Alpakas in friedlicher Koexistenz.

Die Delfine der Weide

Die großen Kulleraugen inmitten der runden Flauschgesichter lösen bei den Besuchenden oft einen unmittelbaren Kuschelreflex aus. Doch davon sind Alpakas wahrlich keine großen Freunde. Sie beäugen Neuankömmlingen zwar neugierig und offen, aber lieber aus sicherer Distanz. Ihre Stimmung zeigen sie deutlich über die Ohrenhaltung: Aufrecht stehende Ohren signalisieren Aufmerksamkeit und Interesse, während nach hinten gelegte Ohren Ablehnung oder Unmut ausdrücken. Letzteres kann auch eine Vorwarnung für das berühmte Spucken sein. Doch das passiert nur in größter Bedrängnis und fast ausschließlich unter Artgenossen, dann aber mit einer erstaunlichen Reichweite von bis zu vier Metern. Sind die Tiere hingegen entspannt, geben sie ein sanftes Summen von sich. Ihre überwiegend gelassene, friedvolle Ausstrahlung verbreitet eine besondere Ruhe in der Umgebung. Carola Mielke beobachtet immer wieder, wie Hofgäste in Gegenwart der Tiere sichtbar entschleunigen. Wer mit ihnen auf Wanderung geht oder ein Picknick auf der Weide genießt, spürt sofort, wie sich eine innere Ruhe ausbreitet. Dabei gilt eine wichtige Regel: Wer die Tiere zu sehr kontrollieren will, sie etwa an einer zu kurzen Leine hält, erlebt oft, dass sie angespannt werden. Gibt man ihnen mehr Freiheit, entspannen sie sich wieder. Die menschlichen Begleiter müssen also lernen, Kontrolle abzugeben und ein feines Gespür für das Wechselspiel aus Neugier und Distanz entwickeln. Das Vertrauen der Tiere muss erst gewonnen werden.
Diese Sensibilität macht Alpakas auch zu idealen Begleitern in der tiergestützten Therapie - etwa in einer psychiatrischen Klinik im nahegelegenem Bersteland, wo sie gezielt zur Förderung des mentalen Wohlbefindens eingesetzt werden. Inzwischen hat ihnen das den Spitznamen "Delfine der Weide" eingebracht.

Die Wunderfaser der Alpakas

Das dicke Vlies der Neuweltkamele kann die extremen Temperaturen in den Anden ausgleichen. In der Nacht schützt es sie vor Frost, und am Tag kühlt es sie ab. Alpakawolle gilt als eine der strapazierfähigsten, natürlichen Fasern im Tierreich. Mit Einbruch der warmen Jahreszeit werden die Tiere geschoren und werfen jeweils rund zwei bis vier Kilogramm Vlies ab. Ein Teil davon kann zu Garn versponnen und zu Wärme isolierender Kleidung weiterverarbeitet werden oder dient als Füllmaterial für Bettwaren. Das Ziel bei der Zucht ist es, möglichst feine Fasern zu gewinnen. Der Faserdurchmesser kann in spezielle Labore eingeschickt und geprüft werden. Außerdem ist die Wolle wasserbeständig und sehr schwer entflammbar. Der geringe Anteil von Wollfett macht sie auch geeignet für Menschen mit Allergie, anders als Schafwolle.
Im Hofladen von "Pakahara" gibt es einige solcher Produkte zu erwerben, auch von den hofeigenen Tieren.

Seit über zehn Jahren hat Carola Mielke viel von und über die Tiere lernen können. Allem voran Ruhe und Gelassenheit. Sogar bei Geburten kann sie mittlerweile fachkundig unterstützen. In Deutschland gibt es nur wenig tierärztliches Personal mit spezieller Erfahrung im Umgang mit Alpakas, doch inzwischen hat "Pakahara" eine kompetente Veterinärin gefunden. In Zukunft möchte die Züchterin das Wanderangebot weiter ausbauen. Seit Kurzem veranstaltet sie zudem jedes Jahr im August ein Hoffest, bei dem auch lokale Kunstschaffende ihre Werke präsentieren. Wer also bereit ist, einem Alpaka tief in die Augen zu blicken und sich dabei vielleicht in den Weiten der Anden zu verlieren, ist auf der "Pakahara-Farm" herzlich willkommen.


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