Birgit Branczeisz

Die Brücke wird ausgehoben

Dresden. Die Stadt schwenkt um und vergibt den Abriss von Zug A und B der Carolabrücke nach Initiativbewerbung.

Alle Verschlussteile erneuern – das waren Arbeiten der Firma Hentschke-Bau bei der Sanierung von A und B  2023. Epoxidharz, Kratzspachtel, Schweißbahnen, Asphaltbeton – genützt hat es nichts mehr.

Alle Verschlussteile erneuern – das waren Arbeiten der Firma Hentschke-Bau bei der Sanierung von A und B 2023. Epoxidharz, Kratzspachtel, Schweißbahnen, Asphaltbeton – genützt hat es nichts mehr.

Bild: Branczeisz

Die Realität hat die Stadtverwaltung einmal mehr vor sich hergetrieben. »Es ist Gefahr in Verzug«, konstatierte Oberbürgermeister Dirk Hilbert schließlich nüchtern. »Wir werden den Auftrag direkt vergeben, um Gefahren, die von dem Bauwerk ausgehen, schnell auszuräumen.« Man könne gegenwärtig den Sensoren dabei zuhören, wie Draht für Draht reiße und er beschwor damit ein Bild, das viele inzwischen fürchten. Damit war letzte Woche der Weg überraschend geebnet für eine freie Vergabe des Abrisses von Zug A und B.

Das bestätigte nun plötzlich auch das Rechtsgutachten, das die Stadt in Auftrag gegeben hatte. Dabei waren einige Stadträte, wie Thomas Ladzinski  (AfD) und Holger Zastrow (Team Zastrow), längst vorgeprescht, wollten Nägel mit Köpfen machen, wie es so schön heißt. Die Stadt sollte wieder den Katastrophenfall ausrufen und aufgrund dieser besonderen Gefahrenlage die Brücke notfalls mit THW  und Bundeswehr abreißen, um aus der Zwickmühle herauszukommen, eine langwierige europaweite Ausschreibung vorzunehmen. 

Juristisch war das durchaus eine heikle Lage für die Stadt. Jedem war klar: Hätte die Stadt zu diesem Zeitpunkt so entschieden, wäre Klage von Unternehmen gewiss gewesen, die auf den Auftrag hoffen. Aber die Temperaturwechsel der letzten Zeit machten dem Hickhack ein jähes Ende. Besonders betroffen ist nun der elbaufwärts gelegene Brückenzug A. Über dem Brückenpfeiler D sind – sozusagen bis Redaktionsschluss – fünf neue Brüche lokalisiert worden. Dabei handelt es sich um die Stelle, die beim konstruktionsgleichen Brückenzug C zuerst versagte und den Einsturz am 11. September 2024 verursachte.

Im Hintergrund passierte offenbar aber noch viel mehr. Brückenexperte Professor Steffen Marx vom Institut für Massivbau an der TU Dresden warnte eindringlich:  Wenn ein Draht zu viel reiße, würde die Brücke ganz einstürzen. Als die Sensoren anschlugen, wurden in Dresden minus 11 Grad Celsius gemessen. Einen vergleichbaren Temperatursturz habe es auch im vergangenen Jahr beim Teileinsturz der Carolabrücke gegeben, so Marx. Auch ihm ging alles zu langsam.

Und Stadtrat Holger Zastrow legte nach: Es sei offensichtlich, dass die Strategie der Stadt in die Sackgasse führe. Die Brücke müsse weg, der Abriss direkt und sofort an ein leistungsfähiges Abrissunternehmen vergeben werden.

Am Freitag schwenkte die Stadt nun um. Sie hat den Auftrag für den Abriss von Brückenzug A und B an Hentschke Bau vergeben. Die Firma hielt sich zunächst bedeckt, das sei Teil der Gespräche mit der Stadt. Von seiten der Stadt Dresden hieß es zunächst: »Wir haben in den vergangenen Wochen bereits Initiativangebote von Unternehmen erhalten, die sich den Abriss zutrauen.«

Denn geändert wird offenbar auch die Technologie. Statt stückweisem Abbruch, soll die Brücke nun teils ausgehoben und an Land ausgeschwommen werden. Dort könnten die Betonteile anschließend zerkleinert werden. Die herabhängenden Brückenteile von Zug C könnten noch abgetragen werden. Abrissunternehmer Mathias Lindenlaub von der Centro Umwelttechnik & Logistik GmbH zeigte sich von der plötzlichen Wendung enttäuscht. Auch er habe der Stadt solche Technologien vorgeschlagen.

Ob das alles auch so stattfindet, werden die Ereignisse der kommenden Wochen zeigen. Denn jetzt soll es zügig gehen. Mit Bombenfunden, unerwarteten Ausspülungen und erhöhtem Elbepegel hatte es immer wieder Baustopps und Wendungen gegeben. Das hatte offenbar auch im Hintergrund heftige Diskussionen ausgelöst.

Klar ist, die Erleichterung für die Güterschifffahrt gilt nicht mehr. Inwieweit Zeitfenster für dringend nötige Transporte möglich sind, das untersucht gerade ein Ingenieurbüro. Auch die geschätzten Kosten für den Abriss der beiden verbliebenen Brückenzüge wird die Stadt mit einer neuen Technologie wohl noch einmal korrigieren müssen.


Meistgelesen